Rede der Landrätin im Kreistag zur Verabschiedung von Thomas Kappelmann und Ingo Rabe
Landrätin Karin Harms hat im Dezember-Kreistag den Ersten Kreisrat Thomas Kappelmann und den Sozialdezernenten Ingo Rabe verabschiedet.
Beide haben den Landkreis Ammerland über viele Jahrzehnte mit Fachwissen, Engagement und großem Weitblick geprägt. Nachfolgend der Redetext der Landrätin:
„Niemals geht man so ganz, ein Stück von mir bleibt hier.“
Dieses Lied von Trude Herr bringt es auf den Punkt und tröstet uns auch ein bisschen. Auch wenn wir heute zwei Persönlichkeiten verabschieden, die den Landkreis über viele Jahre geprägt haben, bleibt doch etwas von ihnen: ihre Arbeit, ihre Spuren und vor allem die Erinnerung an gemeinsame Jahre. Es sind Thomas Kappelmann und Ingo Rabe.
Lieber Thomas, ...
... nach fast 30 Jahren in leitender Funktion, davon genau 16 Jahre als Erster Kreisrat, endet mit deinem Abschied eine Ära im Kreishaus – und mit ihr eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn im Dienst des Landkreises.
Seit 1989 bist du beim Landkreis – und es zog dich stets in die Bereiche, wo das meiste Geld ausgegeben wurde: ins Sozialamt, in die Abfall- und Wasserwirtschaft, ins Finanzwesen, den Straßenbau oder den Eigenbetrieb Immobilienbetreuung. 1998 wurdest du Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebes und hast on top auch noch die plötzlich vakant gewordene Geschäftsführung des Rettungsdienstes übernommen. 2004 übernahmst du die Leitung des Amtes für Finanzwesen und wurdest zwei Jahre später Kämmerer. 2010 wählte dich der Kreistag zum Ersten Kreisrat, 2018 wurdest du im Amt bestätigt.
Als Leiter des Dezernats II hast du nicht nur den Haushalt gesteuert, sondern auch die Bereiche Verkehr und Beteiligungen sowie die beiden Eigenbetriebe Abfallwirtschaft und Immobilienbetreuung verantwortet. In deiner Amtszeit als Kämmerer hat sich das Haushaltsvolumen des Landkreises von 136 auf 314 Millionen Euro mehr als verzweifacht. Und trotzdem ist es gelungen, die Schulden im Kreishaushalt um rund 75 Prozent – von 32,5 auf 8,3 Millionen Euro – deutlich zu senken. Auch die bilanziellen Vermögenswerte haben sich in dieser Zeit verdoppelt.
Ein besonderer Indikator ist die Kreisumlage. Seit 2010 liegt sie im Ammerland auf konstant niedrigem Niveau – einem der niedrigsten in ganz Niedersachsen. Das gelang nicht immer ohne Diskussionen, zeigt aber deinen Anspruch, kommunale Spielräume zu sichern, ohne die Gemeinden unnötig zu belasten. Umso bedauerlicher, dass wir in den letzten Jahren dennoch unter Druck geraten sind – nicht, weil du deine Hausaufgaben nicht gemacht hättest, sondern weil Land und Bund ihre nicht erledigt haben. Für deine letzten Amtsjahre hätte ich mir für dich weniger zusätzliche Belastungen gewünscht!
Unter deiner Leitung wurden Projekte beim Landkreis sowie dem Eigenbetrieb Immobilienbetreuung mit einem Budget von rund 432 Millionen Euro umgesetzt – in Zukunftsaufgaben wie Breitbandausbau, Feuerwehrwesen mit Technischer Zentrale, Wirtschaftsförderung, Kita-Förderung, Natur- und Landschaftsschutz und Verkehrsprojekte wie die Küstenkanalbrücke in Jeddeloh II. Hinzu kamen zahlreiche Straßensanierungen – und ich bin mir sicher: Du bist der einzige Mensch im Landkreis, der wirklich beziffern kann, was ein Kilometer Straße wert ist.
Ein echter Meilenstein deiner Amtszeit war die Kooperation zwischen der Ammerland-Klinik, dem Landkreis und dem Bundeswehrkrankenhaus. 2001 wurde sie auf den Weg gebracht – und 2008, mit dem Bezug der neuen Bundeswehrklinik, wurde sie Realität. Seitdem arbeiten beide Häuser Hand in Hand und versorgen gemeinsam Patientinnen und Patienten. Diese Partnerschaft hat den Grundstein gelegt für eine starke medizinische Infrastruktur im Landkreis – von der neuen Klinik für Psychosomatische Medizin der Karl-Jaspers-Klinik bis hin zum derzeit größten Projekt: dem Neubau der Ammerland-Klinik mit einem Investitionsvolumen von 233 Millionen Euro.
Mit zahlreichen Bauprojekten hast du den Immobilienbestand des Landkreises nachhaltig geprägt: die Aufstockung eines Kreishausflügels, Neubau und Erweiterung von Trakt 10 und 6 auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen, der während der Corona-Pandemie sogar als Impfzentrum diente. Dazu kamen das Bildungs- und Beratungszentrum in Westerstede, das neue Behördenzentrum für das Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt sowie das Jobcenter, das Verwaltungsgebäude der Ammerland-Klinik mit Gesundheitsamt und Bundeswehrverwaltung – und nicht zuletzt die Aufstockung von Parkhaus 1 sowie die Neubauten von Parkhaus 2 und 3.
Nicht minder eindrucksvoll ist die Bilanz im Eigenbetrieb Immobilienbetreuung. Unter deiner Verantwortung entstanden hier weitere bedeutende Projekte: die Rettungswache Rastede, das Verwaltungsgebäude des Rettungsdienstes in Westerstede mit erweiterter Fahrzeughalle, die Erweiterung der Rettungswache in Bad Zwischenahn, der Ausbau des Hospizes, das Frauen- und Kinderschutzhaus, der Betriebskindergarten und die Personalwohnheime auf dem Gelände der Ammerland-Klinik.
Besonders am Herzen lag dir die energetische Sanierung und Modernisierung der Kreisliegenschaften – lange bevor Klimaschutz ein Top-Thema wurde. Schon 2007 hast du den ersten Energiebericht initiiert, später das Klimaschutz- und Energiekonzept verantwortet. LED-Technik, Photovoltaik, effiziente Gebäudetechnik, Fuhrparkumstellung – das alles trägt deine Handschrift und wirkt bis heute weit über die Verwaltung hinaus.
Und schließlich hast du mit deinem Team das Rechnungswesen fit für die Zukunft gemacht. Hut ab – denn der Wechsel von der Kameralistik zur Doppik im Jahr 2008 war kein gewöhnlicher Schritt, sondern wie ein krasser Sportartenwechsel: von Yoga auf Marathon. Während sich andere lieber wegduckten oder teure Beratungsfirmen engagierten, hast du die Verantwortung übernommen. Mit Ausdauer, Disziplin und einer guten Portion Schweiß ist es gelungen, das neue System erfolgreich zu etablieren – ein Kraftakt, der sich langfristig ausgezahlt hat.
Lieber Thomas, du bist ein Visionär – aber einer mit Taschenrechner in der Hand. Mit Fachwissen, Weitblick und klaren Vorstellungen hast du die Entwicklung unseres Landkreises entscheidend geprägt. Ich freue mich, dass du das große Klinikbauprojekt im Auftrag der Ammerland-Klink auch im Ruhestand weiterbegleitest und dem DRK-Kreisverband als Vorsitzender zunächst erhalten bleibst. Deine ruhige, verbindliche Art, dein klarer Blick für das Machbare und deine Integrität haben dich weit über das Kreishaus hinaus zu einem geschätzten Gesprächspartner gemacht – und für mich persönlich warst du stets ein unersetzlicher Ansprechpartner. Dafür sage ich dir von Herzen: Danke.
Und nun zu dir, lieber Ingo ...
... auch bei dir, Ingo, endet zum Jahreswechsel ein großes Kapitel: Mit Ablauf deiner dritten Amtszeit verabschiedest du dich aus dem öffentlichen Dienst. Seit 1992 hast du als Sozialdezernent die Entwicklung des Landkreises maßgeblich mitgeprägt, seit 2002 als Kreisrat – und bist damit der dienstälteste Sozialdezernent in Niedersachsen und vermutlich sogar im gesamten Bundesgebiet. Als du dich damals als Sozialdezernent dem Kreisausschuss vorgestellt hast, soll einer der Anwesenden gesagt haben: „Der Junge muss aber noch ordentlich Ammerländer Wurst und Schinken essen.“ Inzwischen sind die Vorräte im Landkreis deutlich kleiner geworden und du bist zum dienstältesten Sozialdezernenten in Niedersachsen, wahrscheinlich sogar in ganz Deutschland gereift, ohne dass sich an deiner Silhouette etwas Nennenswertes verändert hätte.
Du hast die Themen Soziales, Jugend, Gesundheit und Recht verantwortet. Gleichstellung war ein fester Bestandteil deines Dezernats, den du konsequent in der Verwaltung verankert hast. Zudem hast du den Aufbau der Koordinierungsstelle für Migration und Demografie unter-stützt, die Angebote zur Integration, Seniorenarbeit und Teilhabe vernetzt.
Im Sozialbereich hast du von Beginn an innovative Projekte angestoßen. Mit „Dauerarbeitsplatz statt Sozialhilfe“ (DASS) hast du ein Modell auf den Weg gebracht, das Menschen im Sozialhilfebezug durch den Einsatz von Kreismitteln in Arbeit brachte – ein Vorläufer der späteren Optionslösung. Schon nach einem Jahr war das wirtschaftlich ein Gewinn für den Landkreis, denn die Investitionen zahlten sich aus. Maßgeblich warst du auch am Aufbau der Optionskommune beteiligt, die 2005 startete. Damals durften lediglich 65 Kommunen in Deutschland die Möglichkeit zur Option ergreifen, davon 13 in Niedersachsen. Der Landkreis Ammerland wäre dabei fast nicht zum Zuge gekommen – weil wir mal wieder dem Land geglaubt hatten, dass man für die Bewerbung keine aufwendig hergestellten Hochglanzbroschüren abgeben müsse, sondern ausdrücklich eine schlichte Beschreibung der geplanten Aufgabenübernahme ausreichen würde. Am Ende reichte es gerade so für Platz 13 – und auch nur, weil die Wesermarsch überraschend noch einen Rückzieher gemacht hatte. Aber nach einem Jahr lagen wir auch für das Sozialministerium ganz ohne Glanz und Lametta ganz vorn und wurden der Vorzeigelandkreis in puncto Arbeitslosenquote bei den Langzeitarbeitslosen!
Aber du hat noch mehr auf den Weg gebracht. Im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets hast du 2011 gemeinsam mit unserer kvhs die Koordinierte Lernförderung (KoLA) ins Leben gerufen – ein Erfolgsmodell, von dem gegenwärtig und Jahr für Jahr über 1 000 Ammerländer Kinder profitieren. Später hast du dich ebenso für die weiteren kvhs-Projekte „KoLAplus“ und „KiJustiA“ stark gemacht. Mit dieser Trias aus Lernförderung, sozialpädagogischer Begleitung und schulischer Unterstützung ist ein dauerhaftes Fundament entstanden: eine wirksame Absicherung gegen Bildungsarmut und ein starkes Signal für mehr Chancengerechtigkeit.
Daneben hast du viele weitere Projekte für Kinder und Jugendliche sowie für Zugewanderte bei der kvhs angestoßen, die Gründung des Pflege-Servicebüros begleitet und das Frauen- und Kinderschutzhaus in Rastede überhaupt erst möglich gemacht. Früh hast du erkannt, dass soziale Verantwortung Verlässlichkeit braucht – und hast die sozialen Leistungsanbieter aus der Bittstellerrolle befreit, indem du mit ihnen Leistungsverträge eingeführt hast. Damit mussten sie nicht mehr jedes Jahr aufs Neue beim Kreistag um Zuschüsse bitten, waren zugleich aber auch verbindlich verpflichtet, für die Menschen im Ammerland verlässliche, qualitativ hochwertige und ausreichende Leistungen zu erbringen.
Im Bereich Gesundheit hast du mit der Gesundheitsregion Ammerland ab 2020 die Versorgung neu gedacht – von Projekten zur Palliativpflege bei Demenz bis hin zu Initiativen zur Unterstützung von Pflege-Auszubildenden. Auch in der Corona-Pandemie hast du große Steuerungsfähigkeit bewiesen: mit einem „atmenden System“ und zusätzlichem Personal, mit einer Abstrichstation, die rund 60 Prozent aller Nachweise im Landkreis abwickelte, und schließlich mit dem Ammerländer Impfbus, der auf deine Initiative hin von einem örtlichen Busunternehmer – der Mitglied des Kreistages ist – bereitgestellt und umgerüstet wurde.
Auch als Rechtsdezernent hast du entscheidende Weichen gestellt: Ab 2001 hast du die Kooperation zwischen Bundeswehrkrankenhaus, Ammerland-Klinik und Landkreis mit Vertragswerken gestaltet, die so wasserdicht sind, dass kein Schlupfloch blieb – obwohl die Bundeswehr immer mal wieder danach sucht. Du hast die kommunale Übernahme des damaligen Landeskrankenhauses Wehnen maßgeblich mitgestaltet und warst der Ideengeber für den so treffenden neuen Namen Karl-Jaspers-Klinik. Ebenso hast du den Aufbau der Großleitstelle Oldenburger Land entscheidend mitbegleitet – heute ein Rückgrat der Notfallversorgung. Für all diese Projekte gilt: Du hast die Vertragswerke mit sicherer Hand gestaltet– wasserdicht, ohne juristische Schlupflöcher und stets mit Blick auf die kommunalen Besonderheiten. Damit hast du die Grundlage für dauerhaft tragfähige Strukturen im Landkreis gelegt. Auch in deiner langjährigen juristischen Beratung für den Bezirksverband Oldenburg – 2009 haben wir uns dort kennengelernt – hast du deine Expertise eingebracht, in schwierigen Fragen für Klarheit gesorgt sowie mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
Danke, lieber Ingo – für deine leise, aber kraftvolle Art, Strategien zu entwickeln sowie Dinge in Bewegung zu bringen und dabei immer die Ruhe zu bewahren. Danke auch für dein feines Gespür für Menschen, deine Empathie und dein politisches Geschick – du warst und bist ein Sozialdezernent mit Herz, Humor und Haltung und mir ein sehr wichtiger Berater.
Jetzt beginnt für euch alle eine neue Zeit: ohne Sitzungskalender, aber mit Reisen, Lieblingsprojekten, Familienzeit, Patenkindern, Enkeln oder einfach wohlverdienter Entspannung.
Was bleibt, ist mein Dank – und die besten Wünsche für alles, was jetzt kommt. Und um noch einmal auf Trude Herr zurückzukommen: „Niemals geht man so ganz.“ Wir werden euch sehr vermissen. Und ich bin sicher, dass wir noch oft an euch denken, wenn wir mit den vielen Dingen beschäftigt sind, die ihr hier über die Jahre – und bitte versteht es richtig – ‚verzapft‘ habt.
In diesem Sinne: Alles Gute – und vor allem: Bleibt gesund und genießt es!